Das rheinische Resilienz-Dogma – eine humoristische Kritik
Es hät noch immer jut jegangen.
Übersetzung aus dem Kölschen: „Es ist noch immer alles gut gegangen.“
Kein Konjunktiv. Kein „bisher“. Kein „hoffentlich“. Ein purer Indikativ der Vergangenheit, der als Imperativ für die Zukunft wirkt.
Das Dogma wird gesprochen:
Es ist das Gegenstück zum schleswig-holsteinischen „Na, wird schon schiefgehen“. Jenes ist pessimistisch-gelassen. Dieses ist optimistisch-fatalistisch. Jenes erwartet das Scheitern. Dieses behauptet den Erfolg – nachträglich, aber vorwegnehmend.
2. Die verborgene Struktur: ein Dogma der Zeiterfahrung
Das Dogma lebt von einer eigentümlichen Zeitlogik:
Das ist kein logischer Schluss. Es ist ein Resonanzsprung. Der Kölner überspringt die Kausalität, weil er auf ein tieferes Muster vertraut: Das Leben ist im Kern wohlwollend – zumindest hier am Rhein.
Vernunft sagt: „Das ist ein Fehlschluss. Vergangenheit garantiert keine Zukunft.“Der Kölner antwortet: „Dat es och richtisch. Ävver es hät noch immer jut jegangen.“
Die psychosoziale Mechanik ist simpel:
Das Dogma ist also nicht falsch – es ist wahr in seiner Wirkung. Und das ist das Entscheidende für unsere Dogmenkritik: Ein Dogma muss nicht stimmen. Es muss nur Orientierung geben.
Natürlich kann es auch schiefgehen. Der Dom ist nicht eingestürzt – aber das Hochwasser 1993 stand knapp davor. Die Leverkusener Brücke ist nicht gut gegangen. Und mancher Jeck, der sich auf „es hät noch immer jut jegangen“ verlassen hat, steht heute mit einem Schuldenberg da.
Die Kritik lautet:
Das Dogma verwechselt Statistik mit Schicksal. Es lebt von der gut gemeinten, aber gefährlichen Annahme, dass die Vergangenheit eine ausreichende Versicherung für die Zukunft sei.
Das ist der Punkt, an dem der rheinische Frohsinn an seine Grenze stößt: Wo Vorsicht zur Pflicht würde, wird Optimismus zur Fahrlässigkeit.
5. Die symbiotische Neudeutung: das Dogma als Lebenskunst
Und doch: Wirf es nicht weg.
Es hät noch immer jut jegangen ist kein Erkenntnissatz. Es ist ein Resonanzritual. Ein sprachlicher Talisman, der die Schwingungsfähigkeit des Sprechers erhöht – genau das, was die ARP als ethische Maxime fordert.
Die Neudeutung:
Nimm das Dogma als ermutigende Hintergrundmelodie, aber nicht als Navigationssystem. Vertraue auf die Vergangenheit – aber prüfe die Gegenwart. Und wenn es dann schiefgeht, sag einfach: „Tja. Dann hat et jetz eemal nit jejange.“ Und geh ein Kölsch trinken.
Das ist die rheinische Variante der Omegapunkt-Maxime:Resonanziere so, dass deine Schwingungsfähigkeit erhalten bleibt – auch wenn die Resonanz mal aussetzt.
Dieses Dogma ist nicht exportierbar. Ein Berliner, der „Et hat noch immer jut jegangen“ sagt, klingt verdächtig. Ein Schwabe, der es nachspricht, würde sofort eine Risikoanalyse verlangen. Ein Bayer würde fragen: „Ja, und wann wird endlich wieder g’sudert?“
Das Kölner Dogma ist ortsgebunden – wie Kölsch, das etwas zweifelhafte Bier in einem 0,2 Liter Glas . Es schmeckt nur am Rhein. Aber die Struktur des Dogmas findet sich überall: als „Bisher sind wir auch immer davongekommen“ in Norddeutschland, als „Gott wird’s schon richten“ im Bibelgürtel, als „Was soll schon passieren?“ in jeder Studenten-WG.
Ein Dogma muss nicht wahr sein. Es muss nur dann wahr werden, wenn man es braucht. Das Kölner Dogma ist das eingängigste Beispiel für diesen Satz – und eine Einladung, nicht alle Dogmen zu töten. Manche sollte man nur lächelnd an die kurze Leine legen.